„Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“

Die promovierte Sozialpsychologin und emeritierte Professorin der Harvard Business School Shoshana Zuboff erklärt in ihrem neuen Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, wie auch die letzten menschlichen Reservate wie Verhalten, Neigungen und Erfahrungen kommerzialisiert und in Produkte verwandelt werden. Nach und nach sei erst der Mensch mit seiner Arbeitskraft, dann die Natur und der Tauschhandel und schließlich menschliches Verhalten zum Objekt der Marktwirtschaft geworden. Menschliche Erfahrungen und Erlebnisse, die bisher außerhalb des Marktes standen, werden in Form digitaler Verhaltensdaten von den großen Tech-Konzernen monetarisiert. Durch seine grenzenlose Datensammelwut mutiere der Kapitalismus in seiner bekannten Form zu einem alle Wirtschaftsbereiche erfassenden „Überwachungskapitalismus“, der drauf und dran sei, sämtliche Versorgungskanäle bis hin zu ganzen Stadtgesellschaften (smart cities) zu kontrollieren. Zuboff warnt davor, den Akteuren des Überwachungskapitalismus den Zugriff auf diese lebenswichtigen Infrastrukturen zu ermöglichen, der immer größere Teile der Gesellschaft ihrer Kontrolle unterwerfe. In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur bezeichnet Zuboff dies als eine „sehr gefährliche Entwicklung“, weil sich hinter der scheinbar positiven Fassade einer „smarten “ Verhaltenslenkung „ein zutiefst anti-demokratischer Impetus“ verberge: „Denn es nimmt alle Informationen und Entscheidungsgewalt weg vom demokratischen Prozess und übergibt sie einem Markt-Prozess. Und das ist für unsere Gesellschaften sehr gefährlich“ (Ebd.). Die Verlagerung gesellschaftlicher Diskurse und demokratischer Kontrolle in Codes und Algorithmen gefährdeten sowohl individuelle Autonomie als auch die Souveränität demokratischer Gesellschaften. Dabei gehe es längst nicht mehr um persönliche Daten:

„Was hier auf dem Spiel steht, ist die innere Erfahrung, aus der wir den Willen zum Wollen formen, und die öffentlichen Räume, in denen sich nach diesem Willen handeln lässt. Was auf dem Spiel steht, ist das herrschende Prinzip sozialer Ordnung in einer Informationszivilisation und unser Recht als Individuen und Gesellschaften, eine Antwort auf die alten Fragen zu finden: Wer weiß? Wer entscheidet? Wer entscheidet, wer entscheidet?“ (Zuboff 2018, S.595).

Zuboff, Shoshana (2018): Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Aus dem Englischen von Bernhard Schmid, Frankfurt/New York: Campus.

Website von Shoshana Zuboff

Foto: Campus-Verlag