Medienqualität als Kongressthema

Die Auszeichnung hochwertiger Medienproduktionen mit Preisen, die Förderung des Qualitätsjournalismus, die Kritik an der Diskussionsqualität in den sozialen Netzwerken und die Qualitätssicherung algorithmisch kuratierter Plattformen sind nur einige Aspekte einer Diskussion über die Beziehung zwischen Medien und Qualität. Mit ihrer inhärenten Begriffsunschärfe ist diese Beziehung auf vielfaltige Weise Gegenstand öffentlicher, kultureller, rechtlicher, politischer, wissenschaftlicher und technologischer Diskurse. Damit ist Medienqualität ein facettenreiches „Beobachterkonstrukt“ (Bucher 2003): Jeder Beobachter fällt perspektivisch ein Qualitätsurteil mit notwendi-gerweise je eigenen blinden Flecken in der Beobachtung.


Seit Anfang der 1990er Jahre finden sich verschiedene kommunikations- und medien-wissenschaftliche Systematisierungsversuche von Medienqualität und Qualitätskrite-rien in Bezug auf Programme, Redaktionen oder den Journalismus im Allgemeinen (Schatz & Schulz 1992; Ruß-Mohl 1992). Die komplexen medialen Beobachtungsverhältnisse zur Qualität im journalistischen System wurden weiter ausdifferenziert in Hierarchiestufen, Ebenen und Perspektiven und in diversen Qualitätskriterienkatalogen abgebildet (Überblick bei Beck et al. 2010: 25). Die Medienqualitätsforschung kann mit Neuberger (2011) in die drei Arbeitsbereiche Qualitätsdefinition, Qualitätsmessung und Qualitätssicherung gegliedert werden.

Als normatives und soziales Konstrukt (Reineck 2018) ist Medienqualität multidimensional, relational und in mehrfacher Hinsicht perspektivenabhängig, so dass eine „absolute, objektive, zeit- und positionslose Definition von Qualität“ unmöglich erscheint (Beck et al. 2010: 16). Medienqualität gilt als „Attributionsphänomen“ in dessen Zuschreibungskontext demokratisch-gesellschaftliche und professionsethische Grundwerte, medien- und digitalökonomische Imperative, medienstrukturelle Merkmale und die Erwartungen des Publikums verortet werden (Serong 2015). Mit Blick auf die Einbeziehung der Rezipienten und die Bildung von Qualitätsurteilen argumentiert Rath (2014) weiter, dass Medienqualität zusammen mit Medienkompetenz gedacht werden muss.
Die digitale Transformation weitet das Feld der Medienqualitätsdiskurse nochmals aus. Durch die Digitalisierung entstehen neue Produktions-, Distributions- und Rezeptionsweisen in der Medienkommunikation: Interaktivität und Multimedialität verändern Darstellungs- und Nutzungsformen, Streamingdienste analysieren permanent das Rezi-pientenverhalten, partizipative Kulturen im Social Web und neue mediale, fragmentierte Öffentlichkeiten etablieren sich, vernetzte und mobile Endgeräte ermöglichen medienübergreifende Interaktionsformen, Grenzen klassischer Medienformate und gattungen verschwimmen und es entstehen neue Formen des transmedialen Er-zählens. Das Objekt der Qualitätsbewertung wird zunehmend fluide, was auch an den ausgezeichneten Formaten einschlägiger Medienpreise ablesbar ist; so gewann beispielsweise der Hashtag „#aufschrei“ den Grimme Online Award 2013 in der Kategorie Spezial (vgl. GOA 2013).

Jenseits der Auszeichnungsdiskurse besteht ein „Verdikt mangelnder deliberativer Qualität im Internet“ (Kersting 2017: 63). Die zunehmende „Inzivilität“ in der Online-Kommunikation, die unter Schlagworten wie „Hatespeech“, „Shitstorms“ und „Trol-ling“ diskutiert wird, betrifft die Bedeutung der Qualität öffentlicher Diskurse für eine demokratische Gesellschaft (vgl. Überblick bei Kümpel & Rieger 2019; Kaspar et al. 2019).
Diskurse über Qualität haben zunehmend tiefere soziotechnologische Dimensionen, wenn Algorithmen mittels analysierter Nutzungsdaten die Medieninhalte auf Plattfor-men und Mediatheken empfehlen und kuratieren (Pöchhacker et al. 2017; Schmidt et al. 2018). Anwendungen Künstlicher Intelligenz greifen in die Analyse, Planung und Produktion medialer und kultureller Güter ein und prägen Ansätze einer „algorithmi-schen Kultur“ mit zwei Publika: Menschen und Maschinen (Striphas 2015).

Insgesamt diagnostiziert Neuberger (2022) „erhebliche Qualitätsdefizite in der digita-len Öffentlichkeit“ auf Grundlage von Werten wie Freiheit, Machtverteilung, Gleich-heit und Vielfalt sowie vorliegenden empirischen Erkenntnissen.

Über diesen mediensoziologisch und soziotechnologisch beschreibbaren Wandel hinaus verändern Prozesse der Globalisierung, der Individualisierung von Lebensstilen, der interkulturellen Auseinandersetzung, der Kommerzialisierung von Lebensverhältnissen, des demografischen Wandels u.a.m. die gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse und damit auch die Debatten um Medienqualität. In ihrer Gesamtheit führen sie zu einer weiteren Dynamisierung und Diversifizierung der Qualitätsdiskurse.